Systemisch?

Systemisches Arbeiten - Schule neu denken

Beziehung verstehen. Muster erkennen. Entwicklung ermöglichen.

„Systemisches Denken ist eine Haltung, die den Blick auf die Wechselwirkungen
und Verbindungen im Leben eines Menschen lenkt, anstatt isolierte Teile zu betrachten.“ (Bernd Schmid)

Systemisches Arbeiten bedeutet, Menschen nicht isoliert zu betrachten, sondern im Zusammenhang ihrer Beziehungen, Rollen und Umfelder.

Gerade im schulischen Kontext zeigt sich: Lernen ist kein Einzelereignis. Es geschieht im Geflecht aus Kommunikation, Erwartungen, Gruppendynamik und Selbstbild.


Wirklichkeit entsteht in Beziehung

„Man kann nicht nicht kommunizieren.“ (Paul Watzlawick)

Im Klassenzimmer kommunizieren wir ständig. Durch Worte, Blicke, Sitzordnungen, Bewertungen, Pausen, Regeln.

Schüler*innen reagieren nicht nur auf Inhalte, sondern auf Beziehungen.

Systemisches Arbeiten bedeutet hier: 

  • Nicht zu fragen „Wer stört?“, sondern „Was geschieht zwischen uns?“
  • Nicht nur Leistung zu betrachten, sondern Wechselwirkungen.
     

Denn Verhalten entsteht im Kontext. Und Kontext ist gestaltbar.


Strukturen verändern – Verhalten verstehen

„Verändere die Struktur, und das Verhalten wird sich verändern.“ (Salvador Minuchin)

In jeder Klasse bilden sich Muster:

  • Wer übernimmt Verantwortung?
  • Wer zieht sich zurück?
  • Wer übernimmt die Rolle des Klassenclowns?
     

Systemisch betrachtet erfüllt Verhalten eine Funktion.

Es stabilisiert Beziehungen, sichert Zugehörigkeit oder reagiert auf unausgesprochene Erwartungen.

Anstatt Verhalten isoliert zu korrigieren, fragen wir:

  • Wie ist die Struktur?
  • Wie sind Rollen verteilt?
  • Was braucht das System, damit sich Verhalten verändern darf?
     

Manchmal genügt eine veränderte Sitzordnung, eine neue Gesprächsstruktur oder eine andere Form der Rückmeldung, um Bewegung zu ermöglichen.


Verborgene Dynamiken sichtbar machen

„Anerkennen, was ist, bringt Frieden.“ (Bert Hellinger)

In Klassen wirken oft unausgesprochene Regeln: Loyalitäten, Hierarchien, Zugehörigkeitsfragen
 

Systemisches Arbeiten heißt, diese Dynamiken achtsam sichtbar zu machen – ohne zu bewerten.

Erst wenn anerkannt wird, was wirkt, entsteht Raum für Veränderung.

In der Schule kann das bedeuten:

  • Konflikte nicht zu personalisieren, sondern als Beziehungsphänomen zu verstehen.
  • Spannungen als Hinweis auf ein unausgewogenes Gefüge zu begreifen.
  • Betroffenen eine Stimme zu geben, statt über sie zu sprechen.


Ressourcen aktivieren – kleine Schritte ermöglichen

„Kleine Veränderungen führen zu größeren Veränderungen.“ (Insoo Kim Berg)

Nicht das Defizit steht im Mittelpunkt, sondern das, was bereits gelingt.

  • Welche Stunde hat funktioniert?
  • Wann war es ruhiger?
  • Was hat dazu beigetragen?

Gerade im schulischen Alltag wirken kleine Veränderungen oft stärker als große Reformen.

Ein Perspektivwechsel. Eine neue Frage. Ein bewusst wahrgenommener Fortschritt.

Systemisches Arbeiten stärkt Selbstwirksamkeit. Bei Lehrkräften wie bei Lernenden.


Lösungen entstehen aus dem, was bereits funktioniert

„Wenn etwas funktioniert, mach mehr davon. Wenn es nicht funktioniert, mach etwas anderes.“ (Steve de Shazer)

Statt Probleme immer tiefer zu analysieren, richtet sich der Blick nach vorne:

  • Was soll stattdessen passieren?
  • Woran würden wir merken, dass es besser läuft?

In der Schule bedeutet das:

  • Zielklarheit statt Problemfixierung
  • Zukunftsbilder statt Schuldfragen
  • konkrete nächste Schritte statt abstrakter Vorsätze
     

Systemisches Arbeiten schafft einen Raum, in dem Lösungen wachsen dürfen: aus dem System selbst heraus.


Wachstum durch Wertschätzung und Selbstwert

„Selbstwert ist der Schlüssel zu menschlichem Wachstum.“ (Virginia Satir)

Schule ist mehr als Wissensvermittlung. Sie ist ein Ort der Identitätsentwicklung.

Systemisches Arbeiten basiert auf einer Haltung der Wertschätzung.

  • Jeder Mensch bringt Ressourcen mit.
  • Jedes Verhalten hat einen Sinn.
  • Jede Entwicklung braucht Beziehung.

Lehrkräfte werden dabei nicht zu Problemlösern, sondern zu Begleiter*innen von Lern- und Entwicklungsprozessen.

Veränderung entsteht nicht durch Druck, sondern durch Vertrauen.


Systemisch arbeiten heißt …

… Wechselwirkungen sehen statt Schuldige suchen.

… Strukturen gestalten statt Symptome bekämpfen.

… Ressourcen stärken statt Defizite verwalten.

… Entwicklung ermöglichen statt Lösungen vorzugeben.


Systemiker*innen sind dabei allparteilich und veränderungsneutral.

Nicht sie entscheiden, was richtig ist, sondern das System selbst zeigt, welche Schritte stimmig sind. 

Systemisches Arbeiten in der Schule eröffnet Räume, in denen Lernen, Beziehung und persönliche Entwicklung miteinander in Resonanz treten können.

Mütter und Väter des systemischen Ansatzes

Steve de Shazer
Virginia Satir
Insoo Kim Berg
Bert Hellinger
Paul Watzlawick
Salvador Minuchin
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sys/lab 12 Monate – 12 Mikroexperimente

Was ist sys/lab?


Das „systemische Labor“ ist ein Ort des Ausprobierens, des Beobachtens und des Scheiterns.
Wir untersuchen, was passiert, wenn wir anders hinschauen. Dabei gilt, dass wir danach „mehr von dem [tun], was funktioniert!“ (Steve de Shazer)
Wenn du deine eigene Wahrnehmung verschieben, Muster erkennen, Mikroveränderungen erproben und eine ganzheitliche Haltung entwickeln möchtest, bist du hier genau richtig.

Teile gerne deine Erfahrungen mit der Instagram-Community mit dem #syslab oder kommentiere direkt bei @schule.systemisch.

Hier findest du alle Mikroexperimente als Aushang für dein Lehrerzimmer!

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Nur 20 Minuten

„Kinder sind nicht nur Schüler, sie sind Menschen, die unser Zuhören brauchen.“ – Carl Rogers

Grundsätzlich gefällt mir die Idee, statt eines Elternsprechtages mit den Schülern und Schülerinnen Lernentwicklungsgespräche zu führen. Das ist eins der Alleinstellungsmerkmale unserer Schule. Mit 28 Personen soll gesprochen werden. Während 45 Minuten Klassenlehrerstunde. Zweimal im Schuljahr.

Meinem Klassenlehrerpartner und mir sind diese Gespräche sehr wichtig. Wir haben eine fünfte Klasse, die sich in der „großen“ neuen Schule eingewöhnen muss. Daher nehmen wir uns zweimal pro Woche 45 Minuten Zeit, um mit jedem einzeln zu sprechen. Also vier Kinder pro Woche. Andere Kollegen lösen das anders. Sie sprechen mit vier Personen in 45 Minuten oder teilen sich auf oder sprechen mit 2-3 Schüler*innen gleichzeitig. Mannigfaltige Möglichkeiten.
Schnell geht es natürlich, wenn man den Kindern sagt, xyz machst du toll und abc läuft nicht gut, dies und das musst du ändern.

20 Minuten für ein Gespräch auf Augenhöhe mit systemischer Haltung. Eine Herausforderung. Die Schüler bereiten sich mit einer Gesprächsvorlage vor. Sie füllen aus, welche Stärken und Schwächen sie bei sich sehen, Reflexionen zu Arbeitsverhalten, allgemeines Befinden und auch familiäre Situation, wenn sie möchten. Allein schon diese Liste bietet eine Unmenge an Gesprächsanlässen. Die Schüler kennen in der Regel ihre Baustellen und thematisieren sie von ganz alleine: „Ich vergesse häufig meine Hausaufgaben.“ „Ich darf mich nicht so oft ablenken lassen.“ „Ich bin schlecht in Mathe.“
Aufgefallen ist mir, dass viele Schüler*innen keinen Bezug zu ihren Stärken haben. Sie nennen dann Fächer, in denen sie gute Noten haben.

Systemische Fragen eignen sich prima, um über die Themen ins Gespräch zu kommen. „Wann schaffst du es gut, an deine Hausaufgaben zu denken?“ „Was würde mir der Englischlehrer über dich berichten?“ „Auf einer Skala von 1-10, wie häufig beteiligst du dich am Unterricht? Was wäre anders, wenn du zwei Stufen höher wärst?“ „Woran merke ich nächste Woche, dass du mit einer Lerngruppe gearbeitet hast?“
Traurig ist es, wenn nach 15 Minuten kommt: „Eigentlich habe ich noch gar keine Freunde in der Klasse gefunden.“ Das schaffe ich dann nicht in fünf Minuten aufzufangen. Der nächste Schüler wartet schon vor der Tür. Oder das Stundenende mit der nächsten Klasse, die in den Raum muss. Verdammt. Da bleibt mir nur, selbst einen Lösungsvorschlag zu machen, mit dem Auftrag, dies einmal auszuprobieren. Und natürlich hoffen, dass irgendwann noch einmal Zeit ist, um mit dem Kind das Thema in Ruhe zu besprechen.

Die Fünftklässler bringen noch sehr viele persönliche Themen fernab des Unterrichts mit. Einsamkeit, Überforderung, getrennte Eltern. Kein System existiert isoliert neben dem anderen, sehe ich deutlich.

Letztlich kommen die Schüler*innen
als Besucher zu diesem Termin. Ich biete ihnen an, Klienten zu werden. Leider mit halbseidenen Versprechen. Denn Zeit, all diese Anliegen selbst zu unterstützen, habe ich ehrlichgesagt nicht.

Ich hoffe trotzdem, dass jeder am Ende nach Hause geht und fühlt: Die Zeit war kurz, aber mir wurde zugehört.

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